Lesezeichen 2013

Seit dem 8. Mai setzt sich eine Austellung in Berlin mit der Bücherverbrennung 1933 auseinander. Juliane Pfeiffer, eine der Initiatorinnen erklärt, was das Besondere an dieser Aktion ist.

1. Wer hatte die Idee zu der Ausstellung?
Realisiert wurde die Ausstellung von der HumboldtInitiative gemeinsam mit der Historischen Kommission der Verfassten Studierendenschaft in Berlin.
Die HumboldtInitiative (HU-I) beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit dem Gedenken an die Bücherverbrennung und der Frage nach dem Ablauf, aber auch den langfristigen Voraussetzungen und Wirkungen der Berliner Bücherverbrennung am 10. Mai 1933.
Die Historische Kommission wurde im Juli 2008 vom StudentInnenparlament der Humboldt-Universität zu Berlin als Historische Kommission der Verfassten Studierendenschaft in Berlin eingesetzt, erarbeitete zum Universitätsjubiläum 2010 die Ausstellung »stud.Berlin › 200 Jahre Studieren in Berlin« und wurde im Oktober 2012 mit der Konzeption und Realisierung dieser Ausstellung zur Bücherverbrennung beauftragt. Ihr gehören Student_innen, Promovierende und Absolvent_innen der HU, FU und TU an. Die Realisierung der Ausstellung wurde vom HISTOX –Institut für Geschichtsarbeit wissenschaftlich begleitet.

2. Was genau wird dort ausgestellt?
Insgesamt 20 Ausstellungstafeln informieren am Ort des Geschehens über Vorgeschichte, Durchführung und Einordnung der Bücherverbrennung. Die Ausstellung zeichnet die Exklusionsstufen widerständigen Denkens, die Selbstgleichschaltung von Studierenden und Universität, die innere Emigration, die Wege ins Exil und ins KZ an thematischen Schlaglichtern und biographischen Skizzen nach.
Sieben Menschen aus Wissenschaft und Kultur finden in der Ausstellung besondere Erwähnung, i.e. Cora Berliner, Babette Gross, Ernst Fraenkel, Erich Kästner, Liselotte Welskopf-Henrich, Stefan Heym und Albert O. Hirschman. Ihre Lebenswege sind sehr verschieden, nur einer von ihnen gehört zu den verbrannten Autor_innen. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie ihre Karrieren und ihre Arbeit in Folge des nationalsozialistischen Machtantritts in Deutschland abbrechen oder Nischen für ihr Wirken finden müssen. Der 10. Mai 1933 ist damit zugleich ein Symbol für ihre gesellschaftliche und kulturelle Verdrängung.
Ein weiterer Fokus ist der »Memorizid« – der breit angelegte Eifer der Nationalsozialisten und ihres Anhangs zur systematischen Tilgung des Andenkens, der Versuch einer Beseitigung des Gedächtnisses der zu Unpersonen erklärten Menschen und ihrer Ideen. Er findet in der Bücherverbrennung des 10. Mai 1933 ein weltweit sichtbares Fanal, aber noch längst keinen Abschluss. In den Schwierigkeiten um Erinnerung und Wiedergutmachung nach 1945 wirkt er weiter fort.
Neben den Ausstellungstafeln vermittelt eine Litfasssäule die unmittelbare Rezeption der Bücherverbrennung 1933 anhand von ausgewählten Zeitungsartikeln und Karikaturen nationaler wie internationaler Blätter.
Des Weiteren soll eine Rauminstallation in Form einer begehbaren Bücherbox zum Lesen als aktive Form der Erinnerungskultur anregen. Diese Regalskulptur ist Teil der Aktion »ein Ort zum Lesen« (www.einOrtzumLesen.de) in Zusammenarbeit mit Bookcrossing (www.bookcrossing.com), die wir als Kooperationspartner in die Ausstellung integrieren konnten.

3. Wie lange dauerten die Vorbereitungen?
Der Ausstellung zur Bücherverbrennung, die seit dem 8. Mai bis zum 7. Juni 2013 zu sehen sein wird, ging bereits 2010 bis 2011 eine große Ausstellung unter dem Titel „stud.Berlin > 200 Jahre Studieren in Berlin“ voraus, die von der Historischen Kommission der Verfassten Studierendenschaft in Berlin (HisKomStuPaHU) anlässlich des Universitätsjubiläum erarbeitet wurde. Auch hier waren Themen zur Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus prominent vertreten. Sie wurden u.a. in Projekttutorien und autonomen Seminaren von und mit Studierenden erarbeitet. Außerdem gab es Rechercheaufträge, die individuell wahrgenommen werden konnten. Zum Themenkomplex Bücherverbrennung arbeitet zudem die aus Studierenden und Absolvent_innen bestehende Humboldt-Initiative (HU-I) bereits seit über zehn Jahren und führte hierzu bereits in den Vorjahren Ausstellungen, Veranstaltungen und künstlerische Soirées durch. Die konkreten Planungen zur diesjährigen Ausstellung bauen auf diesen Vorarbeiten auf und begannen im Oktober 2012 als gemeinsames Projekt der Historischen Kommission und der HU-I.

4. Warum finden Sie es wichtig, an die Bücherverbrennung zu erinnern?
Mit der Ausstellung wollen wir darstellen, dass die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 Teil eines übergreifenden Prozesses war, an dem besonders die Studierendenschaft traurigen Anteil hatte, nicht selten unter dem Applaus der Universitätsöffentlichkeit. Wir wollen erreichen, dass die Universität eine Art Hippokratischen Eid als Teil universitärer Ethik etabliert, der verhindert, dass es jemals wieder zu systematischen Ausgrenzungen von Ideen und zur Vernichtung von Lebenswerken kommt. Wir wollen das historische Gedächtnis für die vom „Memorizid“, das heißt der Auslöschung des Andenkens an die von der Bücherverbrennung Betroffenen, restituieren. Daher richten wir uns nicht nur an die Studierenden, sondern an alle Mitglieder und Besucher_innen der Universität, um Sensibilität für die Wirkung von Intoleranz und Ausgrenzung zu erreichen. Daher haben über unsere Ausstellung zur Bücherverbrennung im Foyer der Juristischen Fakultät hinaus auch eine Ausstellung des Berliner Flüchtlingsrats zur Lebenssituation von Flüchtlingen in deutschen Abschiebeknästen heutiger Tage an die Uni geholt. Flucht und Vertreibung sind ja schließlich nicht nur Themen aus dem Geschichtsbuch, sondern für viel Menschen Lebensrealität. Diese Ausstellung unter dem Titel „Auf gepackten Koffern – Leben in Abschiebehaft“ wird zeitgleich im Foyer des Seminargebäudes am Hegelplatz gezeigt.

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